30 Jahre Zimmerei Nis-Richard Richardsen

Von der
Garagenwerkstatt bis zum Großbetrieb

LANGENHORN. Anlässlich des 30-jährigen Firmenjubiläums laden Christa und Nis-Richard Richardsen und ihre Familie zum „Tag der offenen Tür“ am Sonnabend, 25. September, von 10 bis 16 Uhr am Firmensitz in der Langenhorner Dorfstraße 208 ein. Zwar wusste der Zimmerermeister sicherlich bereits zu Anfang seiner Selbstständigkeit, dass Handwerk den sprichwörtlichen „goldenen Boden“ hat, aber mit der heutigen Dimension konnte er vor 30 Jahren selbst in seinen kühnsten Träumen nicht rechnen. Denn begonnen hat alles in einer Garage von 28 Quadratmetern Größe in der Nähe des heutigen Großbetriebes.

Von der Landwirtschaft zum Zimmermann

„Als jüngstes von zehn Kindern einer Landwirtsfamilie in Fahretoft hatte ich natürlich keine Chance, den elterlichen Hof zu übernehmen. Der war nämlich längst vergeben an einen älteren Bruder. Also hieß es für mich den Rucksack packen und auf nach Langenhorn, wo ich 1967 eine Lehre bei P. C. Petersen als Zimmermann begann“, erinnert sich Nis-Richard Richardsen. Zehn Jahre lang arbeitete er als Geselle und später Meister bei seinem ehemaligen Lehrherrn, bis er sich im September (einem Monat, der sich in Richardsens Leben immer wieder als richtungsweisend erweisen wird) 1980 selbstständig machte. „Ich habe erst einmal allein dort gearbeitet - und wollte das Von der Garagenwerkstatt bis zum Großbetrieb 30 Jahre Zimmerei Nis-Richard Richardsen auch bleiben. Aber schon ein halbes Jahr später musste ich einen Gesellen einstellen. Das war Karl-Johann Petersen, der noch heute für mich arbeitet“, so Richardsen weiter. „Katsche“ Petersen war der erste von heute sage und schreibe 84 Mitarbeitern, und mit dem Mitarbeiterstamm entwickelte sich auch die Firma kontinuierlich weiter.
Nach einem kürzeren „Intermezzo“ in Addebüll, wo die Zimmerleute ihre Werkstatt in einem Resthof hatten, ging es 1984 an den heutigen Firmensitz in der Dorfstraße 208 – natürlich wieder im September. Auf dem 3.500 Quadratmeter großen Grundstück entstanden Werkstatt und Wohnhaus, zwei Gesellen und zwei Lehrlinge arbeiteten für Richardsen.
Im Jahr 1986 waren es bereits acht Gesellen, im September desselben Jahres erlitt Nis-Richard Richardsen bei einem Arbeitsunfall durch einen Sturz vom Dach einen doppelten Fersenbruch und war vorübergehend sogar auf den Rollstuhl angewiesen. Nicht einfach für den Firmenchef voller Ideen undTatendrang, „aber es ging alles, nur dann eben vom Schreibtisch aus“, wie er versichert. Von 1987 bis 1989 war die Zimmerei Richardsen besonders mit der Sanierung von Altbauten im damaligen Westberlin beschäftigt. „Ein Bauleiter hat unsere Firma quasi von einer nordfriesischen Baustelle ‚mitgenommen und interessante Aufträge vermittelt. Bis nach der Wende Firmen aus den neuen Bundesländern vermehrt aktiv wurden, waren elf von meinen 13 Gesellen in Berlin beschäftigt. Wir hatten kleine Wohnungen in der Nähe des Schöneberger Rathauses angemietet, begannen mit der Erneuerung von Dachstühlen und verlegten uns dann auf die Altbausanierung.“
Als es in Berlin nicht mehr so gut lief, konzentrierten sich die Aktivitäten der Zimmerei wieder mehr auf die heimatliche Region.

Gründung einer zweiten Firma

Die Zeit dafür war goldrichtig, denn Mitte der 1990er Jahre wurde der Grundstock für die zweite Firma gelegt, „Holzhäuser Richardsen GmbH“. Der Firmenchef: „Aus Estland kamen die ersten Blockbohlenhäuser auf den deutschen Markt – und ich überlegte mir, dass wir etwas Gleichwertiges eigentlich auch selbst herstellen können.“ Im Jahr 1996 baute die neue gegründete Firma sieben Holzhäuser, 1997 waren es bereits 32, inzwischen werden pro Jahr zwischen 70 und 80 Häuser verkauft, und der Trend hält weiter an. „Sogar in der Karibik stehen zwei Holzhäuser aus Langenhorner Produktion. Ein Kunde hatte während seines Urlaubs auf Eiderstedt Richardsen-Holzhäuser kennengelernt, bei uns geordert – und wir schickten die Elemente mit einem Mitarbeiter zur Überwachung des Aufbaus halb um den Globus“, erzählt der Firmenchef zu dem wohl exotischsten Standort eines Holzhauses aus Nordfriesland. Es versteht sich von selbst, dass das Richardsen- Mitarbeiterteam schlagartig auf 30 Angestellte anwuchs. Um die Fertigbau-Elemente fertigen zu können, wurden großflächige Hallen gebaut: für Lagerhaltung, für die Produktion, als Abbundhalle und als Kommissionslager. Mittlerweile umfasst das Betriebsgelände 40.000 Quadratmeter, „und manchmal wünsche ich mir sogar noch ein bisschen mehr Platz“, so Nis-Richard Richardsen.

Gedanklich auf 100 Baustellen

Der Hauptgeschäftsanteil liegt allerdings nach wie vor im Bereich Zimmerei. Besonders auf dem nach wie vor regen Bausektor auf Sylt arbeiten zahlreiche Mitarbeiter, seit sechs Jahren ist die Zimmerei Richardsen zudem auf Großbaustellen in Hamburg tätig, vorwiegend in der schlüsselfertigen Errichtung von Kindertagesstätten. Das bedeutet für den Firmenchef, der sich immer gern selbst vor Ort über den akkuraten Fortgang der Arbeiten informiert, zwei Hamburg- Tage pro Woche. Um die langen Fahrzeiten für seine Firma nutzen zu können, hat Nis-Richard Richardsen seit längerem einen Fahrer eingestellt: „Von meinem ‚Büro‘ im Auto aus erstelle ich die meisten Angebote und kannTelefonate mit den Kunden und Lieferanten führen“ – und er ist sicherlich dankbar für Flatrates, denn zur Ruhe kommt der Holzfachmann eigentlich nie. „Gedanklich bin ich immer auf mindestens 100 Baustellen – Vorbereitung, Angebotserstellung, Ausführung, Rechnungsstellung. Eben der Motor des Betriebes.“ Und dieser Betrieb bildet selbstverständlich auch Lehrlinge aus, über 100 sind es in der 30-jährigen Firmengeschichte. Sechs der ehemaligen Lehrlinge sind inzwischen selbstständige Handwerksmeister und haben ihre eigenen Betriebe. „Damit habe ich mir quasi die eigene Konkurrenz herangezogen“, resümiert Nis- Richard Richardsen mit leichtem Stirnrunzeln, aber auch mit Stolz über die Leistungen seiner „Ehemaligen“.

Kein Stillstand dank neuer Ideen

Auch nach langen Geschäftsjahren ergeben sich für den Holzfachmann immer wieder Expansionsideen, wie zum Beispiel für die Eröffnung einer Flügger Farben-Niederlassung an der B 5. „Wir liefern unsere Holzhäuser mit einem ersten Anstrich und legen unseren Kunden weitere Anstriche immer sehr ans Herz. Denn nur damit sind die Häuser langlebig geschützt“, betont Richardsen. Hierfür haben sich die Produkte des dänischen Herstellers mit deutschen Wurzeln als der Konkurrenz überlegen erwiesen – nur gab es sie bis vor zweieinhalb Jahren in Deutschland nicht. Bei der Suche nach einem Franchise- Nehmer (mit denen „Flügger Farver“ seine Produkte vertreibt) lief er in der eigenen Familie offene Türen ein: „Ich habe an unserem Haus mit Flügger Farben gearbeitet und war gleich hellauf begeistert“, zeigte sich Stiefsohn Heiko Parlow begeistert. „Ich bin nun wirklich kein Maler, aber mit diesen Farben fiel mir die Arbeit leicht und war vor allem effektiv!“ Mittlerweile ist Flügger Farben auf dem hiesigen Markt bestens etabliert, die Zahl der zufriedenen Kunden wächst kontinuierlich – im Langenhorner Geschäft ebenso wie im Versandhandel über das Internet.

Kaum Zeit für die Familie

Nun bedeutet Expansion allerdings auch verstärkten Einsatz – und so hat es ausgedehnte Urlaubsreisen oder eine 40-Stunden-Woche für den Chef des „Holz- Imperiums“ nie gegeben. „Meine Frau und ich hatten uns eigentlich fest vorgenommen, wenigstens die Sonntage nur für uns und die Familie freizuhalten. Aber auch das klappt leider nur stundenweise“, gibt Richardsen leicht wehmütig zu. Natürlich weiß er, welchen Anteil seine Frau Christa am geschäftlichen Erfolg hat. Sicher war es für sie nicht immer einfach, ihrem beinah rund um die Uhr beschäftigten „Workoholic“ den Rücken freizuhalten. Aber da auch Christa Richardsen eine absolute „Powerfrau“ ist, meisterten beide den Spagat zwischen beruflichem Engagement und Familie. Zusammen mit ihrem ersten Ehemann bewirtschaftete Christa Richardsen lange Jahre den „Marktkrog“ in West-Langenhorn, eine echte Dorfkneipe mit Disco, in der sich in Spitzenzeiten bis zu 450 Gäste „drängelten“. Nebenbei fuhr sie Taxi, zog drei Kinder groß und verlegte sich nach dem Unfalltod ihres Mannes ganz auf die Personenbeförderung, „um mehr Zeit zu haben für die Kinder.“ Keine einfachen Jahre für die Geschäftsfrau, die dann aber einen – nach eigenen Worten - echten familiären „Volltreffer“ landen konnte: „Ich habe einen wirklich tollen Mann getroffen, der mich mit meinen Kindern genommen hat – absolut keine Selbstverständlichkeit“, erzählt sie nach inzwischen 28 Ehejahren immer noch mit einem Strahlen in den Augen. Zu den „alten“ Kindern kamen in der zweiten Ehe drei „neue“, und über Langeweile konnte sich Christa Richardsen nie beklagen. Aber sie scheint auch über eine Art heimlicher Energiequelle zu verfügen, die sie für ihren Gastronomiebetrieb „Op de Hörn“ auch brauchte. Mit viel Charme und Kreativität managte sie das weitläufige, teilweise historische Reetdach-Gebäude mit Restaurant, Café und Pavillon, bis es im Mai dieses Jahres durch ein Großfeuer vernichtet wurde. Noch einmal einen Lokal dort aufzubauen, das kommt für sie nicht infrage, „denn das würde noch einmal mindestens zehn Jahre vollen Einsatz bedeuten – wo Nis-Richard und ich doch eigentlich ein bisschen kürzer treten wollen.“ Deshalb laufen jetzt die konkreten Planungen, auf dem „Op de Hörn“-Gelände altersgerechte Wohnungen zu errichten. „Bereits innerhalb von 14 Tagen nach Bekanntwerden der Pläne waren alle Wohnungen vorgemerkt“, freut sich Nis-Richard Richardsen, dass er auch diesmal wieder voll ins Schwarze getroffen hat.

Die Nachfolge ist gesichert

Dass es mit dem Kürzertreten demnächst doch vielleicht klappt, dafür könnten die Kinder von Christa und Nis-Richard Richardsen sorgen. Während die Kinder aus Christas erster Ehe sich um die Bereiche Flügger-Farben (Heiko) und Raumausstattung/ Malerei (Hans- Joachim „Joggi“) kümmern, istTochter Sandra als Kindergärtnerin in Dänemark beschäftigt. Die gemeinsame Tochter Gesa studiert in Hamburg, aber Nils und Sönke Richardsen bereiten sich auf die Übernahme des väterlichen Betriebes vor. Nils wollte zwar eigentlich die Gastronomie ansteuern und hat bereits eine Lehre als Hotelfachmann und Koch absolviert, begann aber vor einem Jahr eine Zimmererlehre. Sönke hat seinen Zimmerer- Gesellenbrief bereits in der Tasche. Beide wollen den Betrieb zusammen führen; wie sie sich die Bereiche aufteilen, will ihnen der Die Nachfolge ist gesichert Vater überlassen. Nis-Richard Richardsen ist die Freude darüber anzusehen, dass sein familiär geführter Betrieb in der Familie bleibt. Er kennt jeden Mitarbeiter persönlich, „und auch die Ehefrauen – bei den Freunden hört es dann aber meist auf“, schmunzelt er. Besonders wichtig ist ihm ein gutes Miteinander: „Wenn das klappt, gibt es viel weniger Probleme!“ Auf die Frage, ob er nach den Erfahrungen aus 30 Jahren Selbstständigkeit rückblickend etwas anders gemacht hätte, antwortet Nis-Richard Richardsen: „Ich wüsste eigentlich nicht, was besser hätte laufen können. Die Firma hat sich optimal entwickelt. Wenn ich allerdings mit 30 schon die Erfahrungen von heute gehabt hätte, wäre einiges leichter gewesen.“ Zusätzlich zu seinen geschäftlichen Aktivitäten ist Nis-Richard Richardsen seit sieben Jahren Mitglied im Kirchenvorstand seiner Gemeinde, und natürlich ist auch hier sein Fachwissen als Baufachmann gefragt. „Leider fehlt mir auch hier oft die Zeit, ich würde mich gern noch mehr einbringen“, gibt er unumwunden zu. Geblieben ist – nach der Kindheit auf einem Bauernhof – Richardsens Passion für die Landwirtschaft. Gleich am Firmengelände laufen auf der Nachbarkoppel seine Rinder, zwischen 70 und 80 sind es immer. Er besucht sie oft und schätzt sie besonders als Fleischlieferanten: „Besser als von jedem Schlachter“, wie er betont.

Bericht und Fotos Christine Wauer.